Heilung der zehn Aussätzigen

29. Sonntag nach Pfingsten (Lukas 17, 12-19)

Jesus ist unterwegs auf seiner letzten Reise von Galiläa nach Jerusalem. Im Grenzgebiet zwischen Galiläa und Samarien, das auf seinem Weg nach Jerusalem liegt, begegnen ihm zehn aussätzige Männer. Sie schreien von ferne: „Jesus, lieber Meister (Rabbi), erbarme dich über uns!“

Diese Männer leiden an einer Krankheit, die in der Bibel Aussatz genannt wird. Wir nennen sie heute Lepra, eine schreckliche Krankheit. Betroffene werden in fortgeschrittenem Stadium stark entstellt, Haut und Gliedmaßen werden regelrecht zerfressen. Der ganze Körper überzieht sich mit Geschwüren. Oder Finger und Zehen sterben langsam ab, so dass nur Hand und Fußstümpfe übrig bleiben und man nicht mehr allein essen kann. Der Kranke weiß: Diese Krankheit ist tödlich.

Der Aussatz galt in der Zeit Jesu als sehr ansteckend und war damals unheilbar. Menschen, die davon betroffen waren, wurden aus der menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen. Sie lebten außerhalb der Städte und Dörfer in Höhlen. Wenn es gut ging, wurden sie von ihren Verwandten mit Essen versorgt, aber sie hatten sich fernzuhalten von vertrauter Gesellschaft, mussten schon von weitem rufen: „Unrein, unrein!“, wenn Gesunde sich näherten. Das war genau so vorgeschrieben im Gesetz von Mose.

Für die Betroffenen war diese Isolation schlimmer als ihre eigentliche Krankheit. Sie waren stigmatisiert, als Menschen die von Gott bestraft wurden. Wir können uns das Elend dieser Menschen kaum vorstellen. Der verzweifelte Ruf der Aussätzigen „Meister, Erbarme dich über uns“ kann uns ein Bild geben von der Not, die der Aussatz mit sich brachte: Ausschluss aus der Familie, Ausschluss aus der Wohnung und aus dem Wohnort, Ausschluss aus Tempel und Synagoge. Für sie gab es weder Trost noch Hoffnung.

Diese vom Schicksal hart gebeutelten Männer hatten aber etwas Wichtiges erkannt: Gemeinsam lässt sich die Not besser bewältigen und deshalb haben sie sich zusammengetan, Juden und Samaritaner. Und das, obwohl diese beiden Volksgruppen seit Jahrhunderten Erzfeinde waren. Doch hier, wo alle zehn Männer von der gleichen schrecklichen Krankheit getroffen waren, verliert die Feindschaft an Macht. Die Not schweißt sie zusammen und so bilden die Kranken, Juden und Samaritaner, eine Lebensgemeinschaft.

Mit Jesus bricht ganz unerwartet ein Hoffnungsschimmer in ihr tristes Dasein ein. Diese Männer hörten nämlich von Jesus und seinen Heilungswundern. Sie haben auch erfahren, dass er unterwegs in ihrer Gegend ist und wollten sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen. Jesus hatte schon andere Aussätzige geheilt. Er schien keine Angst vor dieser Krankheit zu haben, denn er berührte die Kranken sogar. Das wollten die zehn Männer ihm allerdings nicht zumuten. Deshalb bleiben sie in der ferne stehen und rufen: „Herr, erbarme Dich über uns!“ Was sie wünschen und erhoffen ist klar: Sie möchten wieder gesund werden und in die menschliche Gemeinschaft zurückkehren.

„Geht hin und zeigt euch den Priestern!“, befiehlt Jesus den Männern. Die Priester hatten nämlich nach dem Gesetz, das Mose dem Volk Israel gab, die Aufgabe, festzustellen, ob jemand vom Aussatz betroffen war. Wenn ein Priester nach genauer Beobachtung feststellte, dass ein Mensch vom Aussatz betroffen war, dann hat er diesen Menschen für unrein erklärt und der Kranke musste das Wohngebiet verlassen. Wenn ein Aussätziger, wider Erwarten, geheilt wurde, dann musste er den Priester wieder aufsuchen. Erst wenn der Priester die Heilung bestätigte, konnte der Geheilte wieder zurück in seinen Wohnort und zu seiner Familie.

Wenn Jesus nun diese Männer auffordert: „Geht hin und zeigt euch den Priestern!“, dann weckt er in ihnen die Hoffnung auf eine Heilung. Warum sollten sie sonst den Priester aufsuchen, wenn ihr Zustand sich nicht ändert? Jesus verlangt von ihnen sehr viel Vertrauen in sein Wort. Noch waren sie ja nicht gesund und trotzdem sollen sie sich auf den Weg zum Priester begeben, damit dieser ihnen bescheinigt, dass sie tatsächlich gesund seien. Doch, man höre und staune, die Männer geben sich mit seiner Antwort zufrieden und machen sich auf den Weg. Weil sie Jesus vertrauen und seinem Wort gehorchen, geschieht unterwegs das unfassbare Wunder. Und nun gab es kein Halten mehr. Die Zehn liefen so schnell sie konnten zum nächsten Priester, damit er ihnen die Heilung schwarz auf weiß bescheinigt. Dann konnten sie zu ihrer Familie zurück und ihre Lieben in den Armen halten. Sie konnten ihr Glück kaum fassen. Zeit zum Nachdenken über das Wunder, das an ihnen geschehen war, hatten sie jetzt nicht.

Plötzlich bleibt einer von ihnen stehen und spricht mit lauter Stimme: „He Freunde, wir haben vergessen, Jesus zu danken. Das finde ich nicht in Ordnung, schließlich haben wir ihm unser neues Leben zu verdanken.“ Er lief zurück und fragte nach Jesus, bis er ihn fand und: „Er pries Gott mit lauter Stimme, fiel Jesus zu Füßen und dankte ihm.“

Der Evangelist Lukas fügt hier noch einen kleinen Kommentar ein: Dieser Mann war ein Samaritaner, einer, der in den Augen der Juden ungläubig und gottlos war. Doch er war der einzige, der umkehrte, Gott pries und Jesus dankte.

Jesus richtet sich zuerst an die Menschenmenge, die um ihn stand, und fragt: „Sind nicht alle zehn geheilt worden? Wo sind aber die neun? War kein anderer sonst bereit, umzukehren und Gott durch seinen Dank die Ehre zu geben als nur dieser Fremde, der nicht zum Volk Gottes gehört?“ Gerade die Frommen gehen über dieses große Wunder wieder zur Tagesordnung über und vergessen, Gott zu danken. Nicht, dass Gott auf unseren Dank angewiesen wäre, wenn er uns beschenkt, aber Gott sucht die Beziehung zu den Menschen. Es macht ihn traurig, wenn wir oft nur seine Gaben wollen, aber nicht nach dem Geber fragen.

Dann wendet sich Jesus dem Geheilten zu und sagt: „Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dich gerettet.“ Wenige Worte, aber dahinter steckt sehr viel. Dieser Mann hat eine echte innere Umkehr erlebt. Er ist nicht bei dem Heilungswunder stehen geblieben. Durch dieses Wunder öffnete sich ihm die Tür zu einer neuen Beziehung zu Gott. Und der Schlüssel dazu, das war seine Dankbarkeit.

Diese Geschichte der zehn Aussätzigen ist wie ein Spiegel, der uns vorgehalten wird. Wo erkennen wir uns wieder? Sind wir, wie die neun, die die Gabe der Heilung angenommen haben, aber nicht am Geber interessiert waren? Ist Gott für uns eine Art Glücksspender, den wir mit unseren Bitten füttern und dann soll er bitte schön uns alles geben, worum wir gebeten haben? Oder sind wir, wie der Samaritaner? Danken für die vielen Gaben, die wir täglich bekommen? Finden wir über unseren Dank zu einer lebendigen Beziehung zu Gott, die auch dann standhält, wenn seine Segnungen ausbleiben?

Lasst uns darüber nachdenken und es lernen zu danken. Wenn wir es erst erlernen, jede auch noch so kleine Freude mit ganzem Herzen aufzumehmen, sie zum Anlass zu nehmen, Dank zu sagen und zu jubeln, dann wird unser Leben zur seiner wahren Schönheit erblühen, in dem die Freude wie Funken sprüht. Jeder von uns wird dann für den anderen zur Quelle von Freude und gibt ihm einen Grund zum Dank. Möge uns der Herr ein lebendiges Herz geben, ein Herz dass zur Hilfe eilt und edel ist, ein Herz, das fähig ist, Dank zu sagen, nicht nur in Worten, sondern mit dem gesamten Leben!