Der Sonntag der Vergebung oder der Eintritt in die Fastenzeit

Heute gedenkt die Kirche der Vertreibung Adams aus dem Paradies. Die Pforten zum Garten Eden wurden verschlossen und die Menschen zu Waisen. Unsere Heimat im Himmel ist irgendwo weit weg von uns und wir sehnen uns nach ihr wie Vertriebene. Wir sehnen uns nach jener Freude, die alle Vertriebenen erfüllt, wenn sie sich an ihr verlorenes Vaterland erinnern, die alle uns erfüllt, wenn wir uns an jene Reinheit, an jenes Licht erinnern, das einmal in uns strahlte , das nun jedoch verschüttet liegt unter unseren Sünden und untergegangen ist im Dunkel unserer Herzen. Wir erinnern uns, dass wir Waisen sind. Wir gedenken unserer verlorenen Heimat, unseres Vaterhauses. Und jedes Jahr machen wir uns immer wieder neu auf den Weg, um unseren Geist neu zu entzünden, um unsere Herzen zu reinigen, um unseren Verstand mit Licht durchfluten zu lassen, um heimzukehren zu unserem Gott und Vater. Dies geschieht in jedem von uns ganz individuell. Gleichzeitig jedoch ist es auch ein gemeinsamer Weg, wie in alten Zeiten, als die Leute gemeinsam jenes Land verlassen hatten, das ihnen zum Ort der Knechtschaft geworden war, um in einem ihnen noch unbekannten Land die Freiheit zu erlangen. So sollen auch wir uns nun lossagen von all dem, was uns zu Sklaven macht, losreissen aus der Knechtschaft, um irgendwann dann einmal die Freiheit der Gottessöhne zu erlangen, zu der wir berufen sind und die es zu erwerben gilt.

Das Große fasten das ist die Zeit des Gnadenreichen und rettungsbringenden Tuns, des besonderen, verstärkten Arbeitens dafür, uns geistig zu erneuern, um, in der Reinheit des Herzens, die Lichte Auferstehung Christi zu feiern und zu verherrlichen. Aber es ist unmöglich, diese Arbeit anzutreten, ohne sich gegenseitig verziehen zu haben. Die Große Fastenzeit ist die Zeit unserer verstärkten Gebete, in welchen wir Gott bitten werden,dass Er unsere Reue annimmt, dass Er durch Sein gütiges Erbarmen, unsere schwachen Kräfte auf dem Weg zum ewigen Leben stärkt, wir werden für uns Verzeihung für unsere Sünden ersuchen, welche wir alle bedauerlicherweise in großer Menge haben. Jedoch müssen wir es Verdienen, dass Gott unsere Gebete erhört, damit das Stöhnen unserer Seele an Sein Gehör dringt. Aber dazu müssen wir es vor allem lernen, selbst unseren’ Nächsten zu vergeben. ” Dies fordert von uns die Gerechtigkeit Gottes. Daran Erinnert uns das Gesetz von Gottes Wahrheit. Und es ist so einfach: „Wenn ihr den Menschen ihre Versündigungen gegen Euch nicht verzeihen werdet, Verzeiht Euch auch Euer Himmlischer Vater nicht Eure Übertretungen.“

Der Brauch, vor der Fastenzeit um Vergebung zu bitten, entstand noch in den ersten Jahrhunderten des Christentums. Um sich in ihre Gebete noch stärker vertiefen zu können und sich somit auf das lichte Fest der Auferstehung Jesu Christi vorzubereiten, verließen ägyptische Mönche ihre Klöster und gingen in verschiedene Richtungen. Einige von ihnen sollten nie wieder heimkehren: Manche wurden von wilden Tieren zerfleischt, andere verdursteten in der Wüste. Deswegen baten Mönche einander um Vergebung aller Kränkungen wie vor dem Tod. Natürlich verziehen sie auch selbst alles allen. Denn jeder von ihnen war sich bewusst, dass das gemeinsame Treffen vor der Fastenzeit sein letztes sein könnte.

Bevor wir das Fest der Orthodoxie begehen und des Sieges Gottes gedenken, dass Er zu uns gekommen ist und der Welt die Wahrheit gebracht hat, richten wir nun ein letztes Mal unsere Aufmerksamkeit auf uns selbst und auf die anderen, um einander um Vergebung zu bitten. Deshalb lasst uns nun in die Fastenzeit hineingehen so wie man aus dichter Finsternis heraus in eine sich aufhellende Dämmerung eilt: mit Freude und Licht im Herzen. Lasst uns den Staub von den Stiefeln schütteln, alle Fesseln von uns reißen, die uns gefangen halten wollen, sei es der Kerker des Geizes und des Neids, sei es das Verließ der Angst, des Hasses oder der Eifersucht, sei es das Gefängnis, dass wir uns einander nicht verstehen, dass wir ausschließlich auf uns selbst konzentriert sind. Denn meistens leben wir im Kerker unserer selbst, obwohl wir doch von Gott zur Freiheit berufen sind.

Am Versöhnungssonntag bitten wir beieinander um Vergebung. Hier ist die Schwelle, die wir überschreiten, um einzutreten in die Große Fastenzeit. Einer nach dem anderen treten die Gläubigen zu den Geistlichen heran. „Vergib mir, ich habe gesündigt!“ – sagen wir zu einander, und die Antwort lautet: „Gott vergibt, vergib auch Du mir und bitte den Herrn für mich!“ Wir fallen voreinander nieder, denn Staub sind wir und kehren in den Staub zurück.
Es folgt ein dreimaliger Kuss wie an Ostern. Auferstehung – göttliche Freude der Vergebung.
Während dieser Zeit werden die Auferstehungs-Stichiren gesungen: „Gott steht auf und Seine Feinde zerstieben…“. Einst verließen die Mönche an diesem Tag ihre Klöster, um 40 Tage in der Wüste zu fasten (s. Heiligenvita der Maria von Ägypten). Manche kehrten nicht zurück, erlebten das Osterfest nicht mehr.
Im alten Russland reisten manche hunderte von Kilometern, um bei jemand um Vergebung zu bitten, mit dem sie in Konflikt waren.
Die Versöhnung gibt der Fastenzeit einen tiefen inneren Sinn. Die Heiligen Väter lehren, dass es notwendig ist – um jeglichen Egoismus aus dem Herzen zu verbannen, der in eine Forderungshaltung mündet – dass wir beten müssen, bevor wir um Vergebung bei dem Menschen bitten: „Versöhne dich mit Gott, und dann gehe hin und bitte beim Bruder um Vergebung!“

Lasst uns einander Brüder nennen und uns gemeinsam auf den Weg machen hin zur Auferstehung, hin zum Neuen Leben, wenn wir durch die Kraft und das Leben des Lebendigen Gottes selbst neu leben werden.